Flino
Vertriebsteam · 8 Min. Lesezeit ·

Follow-up-Disziplin im Team: Warum gute Vorsätze im Alltag untergehen

Fast jedes Vertriebsteam hat sich schon einmal vorgenommen, konsequenter nachzufassen. Im Meeting sind alle dafür, die Regel ist in zehn Minuten beschlossen, und sechs Wochen später liegen wieder Angebote drei Wochen ohne Kontakt. Das ist kein Motivationsproblem und meist auch keine Frage der Leute. Es ist eine Frage der Mechanik: Nachfassen ist die einzige Aufgabe im Vertrieb, die niemand einfordert, und Aufgaben, die niemand einfordert, verlieren jede Woche gegen die, die es tun.

Warum Nachfassen als Erstes liegen bleibt

Vier Eigenschaften machen das Nachfassen zu der Aufgabe, die in einer vollen Woche zuerst gestrichen wird.

Es hat keine Deadline. Ein Angebot muss raus, weil der Kunde wartet. Eine Reklamation muss beantwortet werden, weil der Kunde sich sonst beschwert. Beim Nachfassen passiert nichts, wenn es ausfällt, jedenfalls nichts Sichtbares.

Es ist unangenehm. Wer nachfasst, riskiert eine Absage, und viele Verkäufer verschieben lieber das Gespräch, als sich die Antwort zu holen. Solange der Vorgang auf offen steht, ist er theoretisch noch zu gewinnen.

Es gibt keine Rückmeldung. Wer ein Angebot nicht nachfasst, erfährt nicht, was er dadurch verloren hat. Der Auftrag geht woanders hin, und im eigenen System steht der Vorgang einfach weiter auf offen. Fehlendes Nachfassen fühlt sich im Moment folgenlos an, und Verhalten, das sich folgenlos anfühlt, wiederholt sich.

Und es ist unsichtbar. Wer zehn Angebote geschrieben hat, kann das zeigen. Wer zehn Angebote nachgefasst hat, hat nichts in der Hand. Im Zweifel bewertet sich ein Verkäufer an dem, was er vorzeigen kann.

Disziplin ist selten ein Charakterproblem

Die naheliegende Reaktion der Vertriebsleitung ist, Disziplin zu fordern. Im nächsten Meeting wird eingeschärft, dass jedes Angebot nachgefasst wird, vielleicht mit einer Zahl dahinter. Das hält zwei bis drei Wochen und zerfällt dann, weil sich an den vier Punkten oben nichts geändert hat.

Teams, bei denen Nachfassen stabil läuft, haben meist keine disziplinierteren Leute. Sie haben Abläufe, in denen Nachfassen der Weg des geringsten Widerstands ist. Der Unterschied liegt zwischen einem Vorsatz, der jeden Tag neu Energie kostet, und einer Voreinstellung, die von sich aus läuft, solange niemand eingreift.

Die folgenden Mechanismen kosten einmal Aufbau und danach fast nichts. Keiner davon ist spektakulär, und genau das ist der Punkt.

Der nächste Schritt entsteht beim letzten

Die wirksamste einzelne Regel: Kein Kontakt mit einem Kunden endet, ohne dass der nächste Schritt mit Datum festgehalten ist. Kein Datum heißt kein nächster Schritt, und ohne nächsten Schritt verschwindet der Vorgang aus der Aufmerksamkeit.

Das gilt auch für unbefriedigende Gespräche. Der Kunde sagt, er melde sich. Das ist keine Verabredung, sondern ein Abschied. Die Antwort darauf ist eine Frage: Wenn ich bis Freitag nichts höre, rufe ich kurz an, passt das? Damit steht ein Datum, und der Anruf ist später kein Drängeln, sondern eine Zusage, die du einhältst.

Wichtig ist, dass dieses Datum nicht im Kopf des Verkäufers liegt, sondern im Vorgang. Alles, was nur im Kopf eines Kollegen steht, ist bei Urlaub, Krankheit oder einer dichten Woche weg. Was ein Vorgang dafür mindestens enthalten muss, steht in Überblick über offene Angebote.

Sichtbar statt erinnert

Die zweite Voreinstellung ist eine Liste, die alle im Team sehen und auf der auffällt, was überfällig ist. Nicht weil Verkäufer kontrolliert werden müssten, sondern weil das Gedächtnis bei fünfzig gleichzeitig offenen Angeboten nichts mehr leistet.

Entscheidend ist, was die Liste hervorhebt. Eine Übersicht aller offenen Angebote nach Kundennamen hilft wenig. Eine, die oben zeigt, welche Vorgänge seit mehr als zehn Tagen keinen Kontakt hatten, erzeugt Handlung. Sortiert nach Dringlichkeit und Wert, nicht nach Alphabet.

Sichtbarkeit wirkt dabei in zwei Richtungen. Sie nimmt dem Einzelnen das Merken ab, und sie macht im Team besprechbar, was sonst niemand anspricht. Ein Angebot, das seit drei Wochen ohne Kontakt oben in der Liste steht, braucht keinen Vorwurf mehr, es stellt die Frage von selbst.

Diese Liste nützt zuerst dem Team und erst danach der Auswertung. Wer sie als Leistungsmessung einführt, bekommt gepflegte Felder und trotzdem keine echten Informationen. Genau daran scheitern viele CRM-Einführungen, wie Das CRM wird nicht genutzt zeigt.

Ein fester Platz in der Woche

Nachfassen braucht einen Termin, sonst findet es in der Lücke statt, und die Lücke fällt weg. Zwei Varianten funktionieren.

Die eine ist ein fester Block im Kalender jedes Verkäufers, zum Beispiel Dienstag und Donnerstag früh, vor dem ersten Kundentermin. Vierzig Minuten reichen für die überfälligen Vorgänge einer Woche.

Die andere ist ein kurzer Teil im bestehenden Vertriebsmeeting, in dem nur die überfälligen und die großen Angebote durchgegangen werden. Ein eigener Termin dafür ist unnötig und wird als Erster abgesagt, sobald es eng wird. Wie du diese Runde aufbaust, ohne dass sie zur Rechtfertigungsübung wird, steht in Angebotsverfolgung systematisch aufsetzen.

Die Übergabe ist die häufigste Bruchstelle

In Teams mit vier bis acht Angebotsverantwortlichen entsteht der größte Teil der liegengebliebenen Vorgänge nicht aus Vergesslichkeit, sondern aus einer unklaren Übergabe. Der Innendienst schreibt das Angebot, der Außendienst hat den Kunden. Danach wartet jeder darauf, dass der andere sich kümmert.

Diese Konstellation lässt sich nicht durch mehr Disziplin lösen, weil beide Beteiligten disziplinarisch korrekt handeln: Keiner lässt etwas liegen, das er als seine Aufgabe ansieht. Die Lösung ist eine Festlegung, die vor dem Versand getroffen wird. Wechselt die Verantwortung mit dem Versand oder bleibt sie beim Ersteller? Beides funktioniert, nur nicht die ungeklärte Variante.

Dazu gehört eine zweite Festlegung für Vertretungsfälle. Wenn ein Verkäufer zwei Wochen im Urlaub ist, braucht jedes seiner offenen Angebote in dieser Zeit einen Namen. Ohne diese Regel entsteht genau die Lücke, die Kunden als Funkstille erleben, und die sie bei der Entscheidung zu Recht einrechnen.

Weniger Entscheidungen pro Nachfassen

Ein unterschätzter Grund für fehlende Disziplin ist der Aufwand pro Vorgang. Wenn ein Verkäufer vor jedem Nachfassen überlegen muss, ob es jetzt schon zu früh ist, was er schreibt und wie er es formuliert, ist die Hürde hoch. Bei fünfzehn offenen Angeboten ist sie zu hoch.

Darum lohnt es, die Entscheidungen vorher zu treffen und nicht jedes Mal neu. Der Takt wird einmal nach Wertklasse festgelegt, die Formulierungen liegen als Textbausteine bereit, und wer zuständig ist, steht vor dem Versand fest. Welche Festlegungen dafür reichen, behandelt Nachfass-Regeln fürs Vertriebsteam, passende Abstände stehen in Wie oft sollte man nachfassen?, und einen Text baut dir der Nachfass-E-Mail-Generator in zwei Minuten.

Ein mittelmäßiger Takt, den alle einhalten, bringt mehr als der perfekte, über den jeder selbst entscheidet.

Was Erinnerungen leisten und wo sie aufhören

Automatische Erinnerungen nehmen den Teil weg, der am meisten Energie kostet: daran denken. Sie ersetzen aber nicht das Gespräch. Eine Mail, die ohne Bezug zum letzten Kontakt rausgeht, erkennt der Kunde als Automatik und reagiert entsprechend.

Sinnvoll ist die Aufteilung: Die Erinnerung übernimmt den Zeitpunkt, der Mensch den Inhalt. Und sie muss aufhören, sobald der Kunde antwortet. Eine Nachfassreihe, die weiterläuft, nachdem der Kunde geschrieben hat, richtet mehr Schaden an als gar kein Nachfassen, weil sie dem Kunden zeigt, dass niemand mitliest.

Woran du früh siehst, dass die Disziplin nachlässt

Die Abschlussquote reagiert zu spät. Bis sie fällt, sind die Vorgänge längst verloren. Zwei Zahlen zeigen es früher.

Die erste ist der Anteil offener Angebote ohne Kontakt in den letzten vierzehn Tagen. Steigt er über zwei bis drei Wochen hinweg, lässt die Disziplin nach, unabhängig davon, was im Meeting gesagt wird.

Die zweite ist der Anteil der Vorgänge ohne gesetztes nächstes Datum. Diese Zahl ist der Frühindikator überhaupt, denn ein Angebot ohne nächsten Schritt wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr angefasst. Beide Zahlen gibt es ohne Zusatzaufwand, sobald die Liste steht. Wie sich daraus die Liegezeit deiner Angebote ergibt, steht in Time-to-Decision verkürzen.

Was den Rückfall beschleunigt

Drei Dinge machen jede Umstellung in wenigen Wochen zunichte.

Das erste sind Aktivitätsvorgaben ohne Bezug zum Vorgang. Wer fünf Nachfassmails pro Tag verlangt, bekommt fünf Mails pro Tag und keine Antworten. Gemessen wird am Ende, ob Vorgänge zu einer Entscheidung kommen.

Das zweite sind zu viele Pflichtfelder. Jedes zusätzliche Feld senkt die Wahrscheinlichkeit, dass der Vorgang aktuell bleibt. Fünf Felder reichen für den Anfang.

Das dritte ist die Vertriebsleitung, die selbst nicht mitmacht. Wenn der Chef im Meeting als Erster sagt, welcher eigene Vorgang überfällig ist, nimmt das der Sache die Schärfe. Umgekehrt merkt ein Team sofort, wenn die Regel nur für andere gilt. In branchentypischen Fällen mit wechselnden Baustellen und Außendienst kommt noch die Übergabe zwischen Büro und Technik dazu, siehe Angebote nachfassen zwischen Baustelle und Büro.